Nachdem ich mehrere Jahre als freie Autorin und Ghostwriterin Menschen bei Textprojekten aller Art unterstützt habe, hat sich seit Ende 2018 der Schwerpunkt meiner Arbeit fast ausschließlich in den Palliativbereich verlagert. Menschen am Lebensende finden dort in mir ein geschultes und aufmerksames Gegenüber, das ihnen hilft, dem roten Faden in ihrem bunten Leben nachzuspüren und daraus ein persönliches Booklet zu erstellen, das den unvergleichlichen Kern ihres Wesens widerspiegelt – eine Palligrafie.

Was ist Palligrafie?
Palligrafie ist ein Wortspiel aus den Begriffen „palliativ“ und „Biografie“, angelehnt an die Kalligrafie, die Kunst des schönen Schreibens. Auf den Begriff bin ich 2024 gekommen, nachdem ich jahrelang „offiziell“ mit der Würdezentrierten Therapie unterwegs war, aber zunehmend merkte, dass das, was ich in der Praxis tue, längst zu etwas anderem geworden ist: Ich habe basierend auf meinen Erfahrungen mit Palliativpatient*innen, meinem Gespür für Geschichten und den Erkenntnissen aus der Erzählforschung eine neue Methode entwickelt, die es schafft, binnen einer sechzig – neunzigminütigen Sitzung die Essenz eines ganzen Lebens abzubilden. In der Palligrafie werden die wichtigsten Stationen und prägendsten Erinnerungen eines Menschen identifiziert, neben dem wertschätzenden Rückblick auf das gelebte Leben kommen aber auch ganz bewusst Gedanken über den Tod und die Zeit danach zum Ausdruck.
Wenn ich den Menschen ihre eigene Geschichte, die Essenz ihres Lebens, vorgelesen habe, sagen sie im Anschluss fast immer: „Das haben Sie aber schön geschrieben.“ Dann darf ich sie korrigieren: „Ich habe es nur aufgeschrieben – erzählt haben Sie! Das sind Ihre Worte.“
Meine Aufgabe ähnelt somit der einer Hebamme: Ich helfe beim Schöpfen der Worte und unterstütze durch meine Art des Fragens und Zuhörens dabei, dass auch am Ende des Lebens noch einmal etwas auf die Welt kommen und bleiben darf: ein geistiges Vermächtnis, erzählt in den eigenen Worten.
Immer wieder beobachten wir im Team, wie es Menschen, die ihr Leben nun buchstäblich in den Händen halten, sicher festgehalten und auch für ihren Tod nicht zu erreichen, etwas leichter fällt, sich in den Sterbeprozess zu begeben.
Das, was lange Zeit so und unglaublich und bedrohlich schien, darf nun geschehen. Auch, weil den Menschen nicht nur bewusstwird, dass ihr Leben wirklich zu Ende geht, sondern auch, dass es einen Unterschied im Leben anderer gemacht hat, und dass sie Spuren hinterlassen werden.
Die Palligrafie hat es vielen Menschen ermöglicht, ihren Lebenskreis friedlich zu schließen. Für die teilnehmenden Patienten hat sich die Einladung, nicht nur die „schönen Seiten“ ihrer Lebensgeschichte zu teilen, sondern auch die schwierigen, herausfordernden und traurigen Momente im Leben und im Sterben, und dies vor jemandem zu tun, der ihnen mit sanfter Neugier und aufmerksamer Fürsorge begegnet, als äußerst hilfreich erwiesen.
Es ist eine Sache, über all das zu sprechen, was im Leben gut gelaufen ist, aber es erfordert Mut, Vertrauen, Achtsamkeit und Offenheit auf beiden Seiten, um die harten Wahrheiten des Lebens am Sterbebett anzusprechen und auszudrücken. Wahrheiten, die so viele Menschen im Alltag noch immer sprachlos machen.
Bei der Palligrafie geht es daher auch darum, Worte für das scheinbar Unaussprechliche zu finden. Sie kann dazu beitragen, ein größeres Bewusstsein für die persönliche Abschiedssituation zu schaffen, aber jede Palligrafie ist auch ein kleiner, aber sehr wertvoller Beitrag zu einem offeneren Umgang mit Sterben und Tod in unserer Gesellschaft. Ich bin all meinen Interviewpartnern der letzten Jahre so dankbar, dass sie mir ihre Geschichten angesichts des Todes erzählt haben. Damit haben sie nicht nur ihren Angehörigen eine wertvolle Erinnerung hinterlassen, sondern auch mir ein großes Geschenk gemacht, da ich von jedem Einzelnen lernen und wachsen durfte. Je persönlicher eine menschliche Geschichte ist – desto universeller ist sie zugleich.

